Texte
Der Zauber der Anfänge
Erste Wort-für-Wort Veranstaltung in der Remise Waldeburgerli vom 18.6.21
Der Zauber der Anfänge?
Oh nein, denn «jedem Anfang wohnt …» vor allem
… Zweifel inne.
Auch dem Anfang vom Hier und Heute wohnte vor allem Zweifel inne. Und da tut es nichts zur Sache, dass wir nun in noch recht trauter Runde und noch recht entspannt in diesem hübsch restaurierten Bahnwagon sitzen. Denn auch das ist das Resultat von Zweifel.

Und das kam so:
Am 21.12.12 wurde wider aller Unkenrufen, dass an dem Datum der Weltuntergang stattfinden solle, die Talhaus AG gegründet. Geplant war das nicht, sondern kam eher zufällig zustande unter drei KollegInnen, die über eine Gantanzeige stolperten:
Montag, 12.11.12 (auch so eine Schnapszahl...) Versteigerung Talhaus mit Restaurant, Bauernhaus, Oekonomiegebäude und Campingplatz.

12.11.12 um 13.50 auf dem Veloparkplatz vor dem Konkursamt (sowohl hh, wie auch as und emg sind mit dem Velo gekommen): "Heinrich wie ist das jetzt, kommst du jetzt als Darlehensgeber mit oder als künftiger Miteigentümer?“ „Aha, muss man das vorher wissen?“ „Ja, ich glaube schon, denn so wie man es sagt, so steht es dann glaub auch im Grundbuch. Aber wir können ja noch fragen.“ Dazu blieb allerdings weder Raum noch Zeit.
Als letzte quetschten wir drei uns in einem gestossen vollen Räumchen an die Wand. Erleichterung machte sich breit: „Ah, bei all den Profis, da können wir es eh vergessen, aber wir können ja mal ein bisschen mitmachen und mitbieten, ist ja noch spannend.»

«Zum ersten, zum zweiten – und hier setzte der Herzschlag von drei Leuten aus, denn darauf war keiner gefasst – zum dritten!» und damit waren wir Besitzer von einem Restaurant, Bauernhaus, Oekonomiegebäude und Campingplatz.
Was hatten wir uns da eingebrockt, wie kann man sich so was nur antun! Zweifel, ja fast Ver-Zweiflung macht sich breit. Doch was man hat, das hat man.
Wir diskutierten, echauffierten, investierten, rotierten, renovierten und engagierten, so dass schon bald ein florierender Betrieb daraus entstand.

Ein paar Jahre später an einer Beiratssitzung der BLT gegenüber dem Direktor der BLT, Andreas Büttiker, und dem VR-Präsidenten André Dosé: «Was macht Ihr eigentlich mit der alten Dampfbahn, wenn Ihr nun die Waldenburgerbahn übernehmt? Oh je, da triffst Du einen wunden Punkt, denn das wissen wir eben auch noch nicht. In Waldenburg und Liestal haben wir jedenfalls keinen Platz. Wir hätten Angebote aus dem Ausland, aber da brächten wir die Bevölkerung aus dem Tal noch mehr gegen uns auf… «Ja, ich finde auch, die Dampfbahn sollte im Tal bleiben. Warum stellt Ihr sie nicht bei uns im Talhaus auf? Wir hätten Platz…».

Oh je, wie konnte ich nur, was hatte ich uns da eingebrockt?! Man lässt sich doch nicht tonnenweise Altmetall in den Garten stellen, das dann vor sich hin rostet!

Daraus wurden zwei spannende Jahre in einer höchst kooperativen, komplett divers zusammengesetzten Arbeitsgruppe von BLT, Verein Dampfzug Waldenburgerbahn, Talhaus AG, in Zusammenarbeit mit einer Architektin und dem Swisslosfond.
Im Resultat davon sitzen wir hier und heute.

Vielleicht ist Zweifel ja gar kein so schlechter Ratgeber, denn er zeugt von Vernunft und vom Abwägen verschiedener Möglichkeiten. Ja, man sagt ihm sogar nach, dass er ein Ausdruck von Intelligenz sei, da es dazu das Vorstellungsvermögen ganz verschiedener Vorgehensweisen braucht. Gleichwohl:

«Jedem Anfang wohnt …»
… auch Angst inne
Damals bei der Gant am 12.11.12 hatte ich einen Check in der Handtasche, von dem mir Angst und Bange war und der mir den Angstschweiss auf die Stirne trieb. Hätte mir jemand die Handtasche entrissen, er wäre um eine sechsstellige Summe reicher gewesen…

Hier und heute geht es mir ähnlich: Angst und Zweifel: Wie komme ich nur dazu, immer wieder etwas Neues anzureissen, dessen Ausgang so ungewiss ist? Warum habe ich Euch alle eingeladen? Ist das nicht vermessen? Klappt das? Und überhaupt: So öffentlich etwas Privates vorzulesen! Geht es uns noch! Wie kommen wir dazu? Weshalb tun wir uns das an? Warum bleiben wir nicht einfach im stillen Kämmerlein und schreiben meinetwegen ab und zu ein Gedichtlein zur Erbauung für die eigene Beschaulichkeit? Warum konfrontieren wir uns mit der Oeffentlichkeit? Warum machen wir uns selber Angst? Warum setzten wir uns selber unter Druck?

Denn «jedem Anfang wohnt …»
… primär Stress inne!

Die letzten fünf Wochen hatte ich überhaupt keine Zeit. Ich war beruflich total eingespannt mit Kursen, Einführung neuer Kursleitungen, Aufbau meines Yogastudios, ehrenamtlichem Projektmanagement, Ueberarbeitung und Erstellung zweier Websites, Training für den Zermattmarathon und das alles neben dem Courant normal und dann sollte ausgerechnet auch jetzt noch die erste WfW Veranstaltung stattfinden.

Wie konnte ich das nur so terminieren! Zumal ich ja auch selber lesen wollte und noch überhaupt nichts geschrieben hatte zum Thema. Und ja, auch überhaupt keine Zeit dafür hatte. Dann hätte ich mir auch noch die Technik erklären lassen müssen, den Facebook Account speisen, die Websites verlinken und die Betriebskommission der Remise koordinieren sollen. Ja, es wurde alles gemacht, aber mit dem Zauber, der angeblich den Anfängen inne wohnt, hatte das rein gar nichts zu tun, sondern ausschliesslich mit Stress, oder?

Vielleicht ein bisschen Eu-Stress?
Denn habe ich gelitten? Nein.
Gab es grosse Fehlleistungen? Nein.
Bin ich nun geknickt? Nein.
Bin ich aufgeregt? Ja.
Bin ich allenfalls gar freudig erregt? Ja.
Bin ich gar stimuliert und euphorisiert? Ja

Dann stimmt es also allenfalls doch?
«Jedem Anfang wohnt …»
… nein, ich sag’s nicht!

Denn es ist definitiv zu abgedroschen und zu kitschig, aber um der wahren Urheberschaft die Referenz zu erweisen, sei es hier in voller Länge zitiert:

Hermann Hesse
"Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!"


Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.



 
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