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Endlich nicht mehr küssen müssen!
Küsschen links, Küsschen recht, darf’s noch eines mehr sein?
Küsschen links, Küsschen recht, Küsschen links –
ja, jawoll, seit Jahren nun schon Pflicht.
Anständige Schweizerinnen und Schweizer begrüssen sich mit
Pfötchen geben, Handschlag,
Küsschen links, Küsschen recht, Küsschen links
oder sehr gewagt, da sehr modern mit der rechtschenkligen Dreiecksumarmung.

Die sieht so aus: Die zu begrüssenden gehen frontal aufeinander zu,
halten abrupt – in einem Meter Abstand – voreinander an,
beugen nun ihre Oberkörper in gerader Haltung gefährlich weit nach vorn,
strecken gleichzeitig hilfesuchend die Arme aus,
(denn es drohen Kopf eindellen oder freier Fall),
verheddern flink vier Arme,
verharren für den Bruchteil einer Sekunde in einer perfekten Dreiecksposition,
stossen sich virtuos voneinander ab,
atmen auf
und haben die Sache wieder mal heil überstanden.

Der semi-korrekte Abstand – semi-korrekt, da nur ein, statt zwei Metern Abstand –
der rechtschenkligen Dreiecksumarmung erklärt sich übrigens durch den korrekten Abstand zwischen zwei Geschlechtsteilen, deren Ingebrauchnahme zum fraglichen Zeitpunkt des Treffens entweder
a) grundsätzlich vermieden werden soll,
b) noch nicht geklärt ist,
oder c) auf später verschoben werden soll.
Da die klare Einordnung nicht immer ganz klar ist, kommt es immer mal wieder zu Unfällen:
Die Begrüssenden verfehlen sich und landen
a) auf der Schnauze
oder b) miteinander im Bett, was wiederum per se eine Verfehlung sein kann,
wenn es a) grundsätzlich hätte vermieden werden sollen,
b) noch nicht geklärt worden war,
oder c) auf später hätte verschoben werden sollen, da es den Umständen entsprechend alles andere als opportun gewesen ist zum fraglichen Zeitpunkt.

Vor all solchem Ungemach sind wir derzeit befreit,
amtlich befreit,
amtlich verpflichtet, befreit zu sein,
denn das Gebot der Stunde lautet Abstand,
mindestens zwei Meter.
Handschlag, küssen, umarmen – alles hinfällig,
da gefährdend und gefährlich.

Und gleichwohl gibt es sie: diese unvermeidbaren Situationen,
wenn einen die schiere Verzweiflung nach draussen treibt:
der unwiderstehliche Drang nach
a) Klopapier,
b) Desinfektionsmittel
oder c) Ravioli aus der Dose.
Oder wenn das Homeoffice stockt und bockt und öde wird,
wenn sich der Bewegungsdrang nicht mehr im Zaum halten lässt,
wenn Fifi Gassi gehen will
und bevor ich Mitbewohner umbringen muss,
ja dann ist es an der Zeit, sich nach draussen zu wagen.

Doch draussen in der Gefahrenzone lauert ja Gefahr,
die Gefahr, dass man jemanden treffen und gar kennen könnte,
sprich Gefahr, die sich unablässig auf einen zubewegt,
Gefahr, die trotz aller Vermeidungsstrategien eine Begrüssung unumgänglich macht,
denn Nichtbegrüssen würde die Gefahr erhöhen, nach der gefahrvollen Zeit durch Nichtbeachtung gefährdet zu werden.

Darauf gibt nur eine politisch korrekt anzuwendende Antwort:
das Scheibenwischen, rechtsdrehend oder linksdrehend.
Und das geht so:
Man nähert sich bis auf minimal 2 Meter,
wobei das Ritual - je nach Sehschärfe - auch bei 20 Metern noch problemlos zur Anwendung kommen kann.
Da bleibt man still stehen - je nach Distanz lächelnd oder ohne eine Miene zu verziehen - erhebt eine Hand und führt kreisende Fensterscheibenputzbewegungen aus.

Dabei sind allerdings etliche Ausführungsbestimmungen noch nicht abschliessend geklärt:
Nimmt man die linke oder die rechte Hand?
Oder gar beide Hände gleichzeitig?
Muss die Hand offen sein oder geht es auch mit erhobener Faust?
Kreist man im Uhrzeigersinn oder im Gegenuhrzeigersinn?
Oder gar mit einer Hand linksrum und mit der anderen gleichzeitig rechtsrum?
Und gilt das auch für Legastheniker und Linkshänder?
Gelten dieselben Regeln für Mann und Frau?
Gibt es eine allgemein gendergerechte Anwendung?
Und wie viele Umdrehungen sind nötig, um nicht unhöflich zu wirken?

Seien Sie mutig, probieren Sie aus!
Denn nur so schafft es unsere Nation, distanziert in Verbindung zu bleiben
und gleichzeitig scheibenwischend den Durchblick zu kriegen!

Wir haben nun die einmalige Chance, der Kussmisere ein für alle Male ein Ende zu bereiten.
Nie wieder die Schwiegermutter versehentlich auf den Mund küssen, weil sie aus der Welschschweiz kommend mit dem Küssen rechts statt links angefangen hat.
Nie wieder heisse Luft küssen.
Nie wieder entscheiden müssen: hoihoi, Hände schütteln, umarmen oder küssen.

Nie wieder küssen müssen!
Es lebe das Social Distancing!
 
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