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Von Dinosaurieren und Zwangsheirat am Oberrhein
Text für "Land un Sproch" zum Thema Oberrhein
Oberrhein wo ist das? Eine absolut nicht repräsentative Umfrage hat ergeben: Keiner weiss es: «Irgendwo oben am Rhein halt, da wo er herkommt, beim Gotthard eben.» Ich habe meine Testgruppe nicht ausgelacht, denn auch mir hat nur der «Oberrheinische Grabenbruch» auf die Sprünge geholfen. Von dem war ich schon in der Primarschule fasziniert. Man führe sich das mal vor Augen: Da kommt so ein Dinosaurier daher, will von den Vogesen in den Schwarzwald, weil’s da noch grüner ist, und wumms findet er sich einige Hundert Meter tiefer wieder, kann gerade noch rechtzeitig den um die Ecke schiessenden Wassermassen ausweichen, während er in die andere Richtung blinzelt und staunend Zeuge wird, wie tschagg der Kaiserstuhl aus dem Boden wächst und Feuer spuckt. Etwa so stellte ich mir das vor. Nun ja, zumindest geografisch lag ich damit nicht ganz daneben.

Die oberrheinische Geographie sollte mich weiterhin beschäftigen, wenngleich im Schneckentempo, dafür mit einem irren Gefühl von Freiheit und Abenteuer im Bauch. Vier Mädels waren wir, gerade mal 16, und mit unseren Dreigang-Velos Richtung Norden unterwegs. Geheimnisvolle Weltstädte wie St Louis, Colmar, Strasbourg und Freiburg lockten uns und das alles auf der «Route du vin», denn Fahrradwege gab es damals noch nicht. Eigentlich erstaunlich, dass uns unsere Eltern ziehen liessen, im Gepäck gerade Mal einen Schlafsack und ein paar französische Francs und D-Mark fürs Essen. In Rebbergen haben wir übernachtet, einmal bei Starkregen auf dem Boden in einem Pfarrhaus. Aber zum Schluss hatten wir eine recht genaue Vorstellung vom Gebiet am Oberrhein, auch wenn wir es nicht ganz bis zur nördlichen Begrenzung nach Bruchsal geschafft haben.

Bruchsal ist erst später durch Verkehrs-Staumeldungen auf SWF3 – der angesagte Sender damals – in mein Bewusstsein gedrungen. Überhaupt verband ich in den Folgejahren die Oberrheingegend nur noch mit negativen Verkehrserlebnissen: Auf dunkeln, verlassenen, heruntergekommenen, eisigen Bahnsteigen wartend auf Züge, die nie kommen sollten. Hin kam man ja meist noch irgendwie, aber zurück?! Ist bis heute nicht viel besser geworden…

Ausser dem AAA-Publikum (ja, steht politisch völlig unkorrekt für Ausländer, Alte, Alleinerziehende, Arbeitslose, Alkoholiker und Auszubildende) und mir fährt ja auch kein Schwein Zug am Oberrhein. Denn was ich aus Prinzip und das AAA-Publikum aus Mangel nicht hat, haben ansonsten alle am Oberrhein: ein, zwei, drei Autos pro Haushalt und mit denen fahren sie auf den Autobahnen und zwar schnell, denn die Autobahnen sind zwar öde, aber gut und gerade, denn in sie wird Geld gesteckt. In der Zwischenzeit auch ein bisschen Geld in Fahrradwege, gebe ich ja zu, denn die lohnen sich touristisch, hat man rausgefunden. Auf denen fährt nun das Bildungsbürgertum, also sozusagen der Gegenentwurf zu AAA.
Das gleiche Bild, beziehungsweise gleiche Bildungsbürgerpublikum, findet man auch auf den Flussschifffahrts – mit 3s und 3f – Schiffen, die gemächlich rheinauf und rheinab gleiten und sich die Rheinschönheiten von links und rechts gemütlich zu Gemüte führen. Habe ich in jungen Jahren auch mal gemacht, als Begleiterin einer Leser*innen-Reise. War echt schön da oben in der Kapitänskombüse, wenngleich etwas allzu beschaulich für meinen damaligen Geschmack.

Ein allereinziges Mal war jedoch auch ich schnell unterwegs am Oberrhein, am Dreiländerlauf vor ein paar Jahren. War mein schnellster Halbmarathon aller Zeiten. Ein bisschen habe ich mich gefühlt wie damals der Saurier: In Riesenschritten und im Handumdrehen ein Rundumdrehen im Dreiland. Das eine positive Erlebnis darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir am Oberrhein geografisch und geschichtlich nicht weit weg sind von den barbarischen gallischen und germanischen Stammesriten und den patriarchalen römischen Bräuchen, die hierzulande herrschten und wo Frauenrechte mit Füssen getreten werden. Ich bin das lebendige Beispiel dafür, denn ich bin Opfer einer oberrheinischen Zwangsheirat. Ja, das gibt es bis in die heutige Zeit, (zugegeben bis ins letzte Jahrtausend). 18 Staatsexamensprüfungen hätte mein damals zukünftiger, heute ehemaliger Mann nachholen müssen, damit sein Deutsches Staatsexamen als Arzt auch in der Schweiz anerkannt würde und das obwohl schon damals die Universitäten von Freiburg, Strasbourg und Basel einen Kooperationsvertrag hatten. «E Schwoob isch er gsy», aber ein echter, ein Schwabe aus dem Schwabenland. Den Arbeitsvertrag für die Schweiz hatte er bereits, beim Heiratsvertrag gab es keine Diskussion mehr, denn eine Schweizer Frau war 18 Staatsexamensprüfungen wert – das wiegt mehr auf als jedes Kamel …

Immerhin konnten wir uns auf Germanisch unterhalten und mussten nicht «Schwäbisch und schon gar nicht Französisch schwätze». Denn nun muss es einfach mal gesagt sein – wider jegliche politische Korrektheit: Das elende Französisch! Irgendwie schaffen es die vereinigten Französisch-Lehrer*innen sämtlicher Deutsch sprechenden Landen einem die französische Sprachen zu verleiden. Theoretisch könnte ich sie ja besser als alle anderen vier Fremdsprachen, zumindest habe ich sie länger gelernt als alle anderen. Doch typisch: Kürzlich hatte ich Besuch bei mir in der Deutschschweiz, drei mit Muttersprache Deutsch, eine mit Französisch. Sie hatte ebenfalls sieben Jahre Deutsch in der Schule und was mussten wir alle den ganzen Abend lang reden? Französisch! Grrrr!

Überhaupt «die Schwoobe und die Franzose»! - Nur damit auch noch dieses (Vor-)Urteil abgehandelt ist: Mit den Franzosen zu verhandeln ist immer mühsam, einfach immer nur mühsam, weil immer alles erst über Paris muss und die Schwoobe ihrerseits wollen immer alles bis ins kleinste Detail regeln und immer alles bis zur kleinsten Eventualität streng regulieren. Hat man ja gerade in der Pandemie wieder gesehen…

Doch halt, da gab es eine Ausnahme: Während der diversen ein-, zwei- und dreiseitigen Lockdowns haben wir uns einen Sport daraus gemacht, wer am meisten grüne Grenzübertritte schafft. An den italienischen Grenzen sind wir immer gescheitert, an den deutschfranzösischschweizerischen nie, woraus ich 1. schliesse: Die diesbezüglich zuständigen Grenzbeamten sind entweder überflüssig, lieb oder blind, woraus 2. folgt: Offensichtlich gibt es doch keine Grenzen in der Oberrheingegend und woraus ich 3. schliesse: Die Freiheit am Oberrhein muss wohl grenzenlos sein!

Esther Maag,
dienstältestes Mitglied des Beirates der Regio Basiliensis
Urheberin der landrätlichen Vorstösse für einen Kanton Nordwestschweiz
 
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