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Der Winter ist gut
Bringen wir es auf den Punkt: der Winter ist doof. Denn der Winter ist nass und kalt und öd und dunkel und lang und deshalb doof. Und deshalb mag ihn niemand.
Eidechsennaturen mögen ihn nicht, denn die werden überhaupt erst durch Sonnenstrahlen lebendig.
Sommerkinder mögen ihn nicht, denn die wissen schon, warum sie sich im Sommer gebären liessen: Geburtstagseinladung ohne Wasserschlacht und Glacé à discrétion geht gar nicht.
Grilleure und Biertrinker mögen ihn nicht: Eine Gartenparty ohne Sommer – aber Hallo! Das beweist: Niemand mag den Winter, einfach niemand. Nachdem wir das nun geklärt hätten, wissen wir: Der Winter ist doof.

Dachten wir - zumindest bisher. Es stimmt schon, der Winter ist doof, aber der Sommer ist schlimmer, denn er ist gnadenlos.

Der Winter ist gnädig, denn der Winter verhüllt all die schrecklichen Tattoos. Kaum ist Sommer tauchen sie überall dort auf, wo sie niemand erwartet, da sie zuvor zuvorkommend verhüllt waren. Sie erschrecken einen mit roten, blauen und grünen Flecken, die reflexartig an Frauenhäuser denken lassen, an geschlagene Frauen. Spinnen kriechen über Unterarme, Schlangen schlängeln sich die Arme hoch, Totenköpfe starren einen stier tot. Hirschgeweihe thronen, Tränen fliessen, Namen werden geschrien und Kreuze zu Kreuze getragen, Abgründe tun sich auf. Und keiner schämt sich und alle zeigen sie. Oh bitte, Winter, sei uns gnädig und verhülle sie!

Der Winter ist sicher, weil dann nur die richtigen Velofahrer unterwegs sind, also die guten und echten Ve-lo-fah-rer und Ve-lo-fah-re-rinnen, die, die auch Velo fahren KÖNNEN! Und eben nicht die Sonntagsfahrer, die Sommerfahrer, die Babyfahrer, die Stützrädlifahrer, die Schönwetterfahrer, die Fähnlein-im-Wind-Fahrer, die Genussfahrer, ganz zu schweigen von den Mountainbikefahrern und noch schlimmer den E-Bike-Fahrern – kurz alle Weicheier, die sich im Sommer als Velofahrer verkleiden – eine Pest. Im Winter sind die dann glücklicherweise alle wieder weg, komplett weg von den Strassen gefegt, da es ihnen zu kalt, zu nass, zu windig, zu dunkel, zu anstrengend ist – eine Wohltat. Es lebe der Winter und die freie Fahrt für die echten Ve-lo-fah-rer und Ve-lo-fah-re-rinnen!

Der Winter ist wohlriechend, denn die Körper sind verhüllt. Geschwitzt wird höchstens mal diskret, vor Aufregung unter den Achselhöhlen und das wird dann dezent überdeckt mit Unterhemd, T-Shirt, Hemd, Bluse, Kittel, Pulli, Mantel und Schal. Geruchsemissionsfrei und sozialverträglich. Doch kaum ist Sommer, bricht sich die hemmungslose Schwitzerei die Bahn. Es läuft in Strömen und stinkt zum Himmel. Ein Angriff auf die Geruchsnerven und den guten Geschmack, eine Beleidigung für die Nase und eine Zumutung für den nächsten. Oh Winter, komme und kühle uns!

Schlimmer noch als schwitzende Menschen sind schwitzende Füsse. Und schlimmer als schwitzende Füsse sind ungepflegte Füsse und am allerschlimmsten sind ungepflegte schwitzende Füsse von schwitzenden Menschen. Auch das offenbart uns der Sommer. Das Gesichtchen geschminkt, die Wimperchen getuscht, das Mündchen gelippstiftet und die Füsschen ein Desaster: Schwielen, Schrunden, schwarze Ränder, gesplitterter Lack, ungeschnittene, eingewachsene Nägel, Warzen, Fusspilze und über den Gestank haben wir noch gar nicht geredet. Das ist alles gar nicht so schlimm, so lange die Füsschen in Söckchen und die Söckchen in Schühchen stecken und die Schühchen solide und geschlossen sind. Doch genau das wird uns im Sommer verwehrt. Die geschundenen Füsse lugen überall hervor und das Schuhwerk wird bisweilen gar weit von sich geschmissen und dann werden einem stinkige, ungepflegte Füsse entgegengestreckt – in der Badi, unter dem Tisch, im Yoga – ein Affront, dem nur der Winter ein gnädiges Ende bereitet.

Oh Winter, komme und erlöse uns von den Übeln des Sommers, denn Du bist gut!

emg, 28.4.20
 
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