Texte
Stille
(geschrieben im Felsentor, Haus der Stille)
Du hast gesagt, ich solle Dir von der Stille erzählen. Ich glaube, Du dachtest an Meditation, Abgeschiedenheit, Natur und so. Ich werde Dir aber von meinem stillen Freund berichten. Ich bin sehr dankbar, dass ich einen stillen Freund habe. Wir können Abende lang, Essen lang, Velotouren lang, Wanderungen lang, Arbeitstage lang, Einkäufe lang, Nächte lang still sein, nicht viel reden, wenig reden, gar nicht reden, schweigen. Essen, Velofahren, wandern, arbeiten, einkaufen, liegen und dabei schweigen.

Und damit meine ich nicht das Schweigen, dass sich ausbreitet, wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, wenn alles schon gesagt und gelebt ist. Die Ehepaare, die sich an den schönsten Orten der Welt stumm gegenübersitzen, jeder vergessen gegangen in seiner eigenen Welt.

Oder die Paare, die schweigen, weil jedes weitere Wort auf die Goldwaage gelegt werden muss, weil man nur noch das Falsche sagen kann und weil es nur noch falscher kommen kann. Eine Beziehung, die man bereden muss, an der man mit Worten arbeiten muss, die viele Worte braucht, hat sich oft schon verbraucht. Immer wenn man sich aussprechen muss, ist schon etwas kaputt gegangen. Versteht mich nicht falsch, ich plädiere nicht für aneinander vorbei gelebte Wortlosigkeit

Ich rede über die unspektakuläre und entspannte Stille, eine Stille, die sich ausdehnt, eine Stille, in der man sich versteht, ohne die Stille durch Worte stören zu müssen. Das Schweigen steht nicht zwischen uns oder neben uns, sondern es umhüllt uns und dehnt sich aus in den Raum. Stille erzeugt Weite. Wir haben eine weite Beziehung, eine grosse, eine ausgedehnte Beziehung, die alles umfassen kann in Stille.

Eine Beziehung, die eingehüllt ist in Stille kann nicht aufeinanderprallen, denn sie geht nicht mit Worten aufeinander los. Worte sind eckig und kantig und spitz, sie haben Formen, Konturen und Farben, sie können gewaltig und mächtig und ergreifend sein – ich liebe Worte! Worte sind toll! Man kann Welten mit ihnen erschaffen, Berge versetzen, Universen begründen. Doch an Worten kann man sich auch verletzen, weil sie von Natur aus geformt sind, sie haben Ecken, sie haben Kanten, sie haben Spitze. Und vielleicht haben sie deswegen in Beziehungen tatsächlich nichts zu suchen. Versteht mich nicht falsch, ich meine damit nicht eine Sprachlosigkeit, die aus Vernachlässigung, Gemeinheit und Verletzung erwachsen ist.

Ich meine das einvernehmliche Schweigen, das nicht viel Worte braucht. Manchmal ist uns das ein wenig suspekt, dann fragt dann wieder mal einer den andern: Muss ich was sagen? Müssen wir reden? Sagt der andere: «Hmm» Und dann ist wieder still. Wenn eine Beziehung Stille erträgt, dann trägt sie.

emg, Felsentor, 21.8.20
 
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