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Tropennacht
22 Uhr 22, 28. Grad, eine Tropennacht hat begonnen. Das Thermometer wird nicht unter 20 Grad fallen. Es ist eigenartig still, eine Sonntagsnacht. Niemand ist unterwegs, schon gar nicht im Tal des Todes. Das Tal des Todes heisst nicht wirklich Tal des Todes, aber es fühlt sich an wie ein Tal des Todes. Egal zu welcher Jahreszeit, es ist dort immer etwas kühler. Tief unten fliesst ein Bach. Jetzt in der Tropennacht führt er kaum Wasser, im Winter ist es manchmal ein reissender Strom, der Geröll und Geschiebe mit sich führt. Im Winter fröstelt es einen. Da herrscht ewiger Schatten, die eine Seite bekommt während Monaten keinen Sonnenstrahl ab, oft bedeckt Reif die Strasse, es ist rutschig. Kommt man ins Rutschen oder ins Schlingern ist der Fall tief bis in die Schlucht – und tödlich.

Doch das Tal des Todes heisst nicht deshalb Tal des Todes. Eigentlich ist es ein heiliges Tal. Es führt ein Kreuzweg entlang der Strasse und mittendrin thront auf einem Felsen eine Kapelle, eigentlich sogar eine Kirche. Ein reicher Rückkehrer aus St. Petersburg hat sie erbauen lassen. Zu ihr führen entlang der Strasse kleine Kapellen mit Malereien des Leidensweges Christi, relativ moderne Darstellungen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts.

Der Leidensweg. Mir hat die Darstellung und die Verherrlichung einer Folterszene nie eingeleuchtet. Mit der Kreuzigung haben sich die Römer eine denkbar grausame Folterung bis zum Tod ausgedacht, eine Folterung, die Stunden gedauert hat unter grausamsten Schmerzen, bei vollem Bewusstsein. Und das verherrlicht das Christentum?! Mir hat das nie eingeleuchtet. Wie kann man darauf eine Religion begründen? Der Leidensweg Christi gipfelt im Tal des Todes in einer überlebensgrossen Kreuzigungsszene mit drei Folteropfern. Ein Memento Mori, eine Erinnerung an den Tod, ein Vor-Augen-Führen eines Foltertodes? Doch warum? Was soll ich daraus lernen? Dass die Menschen unendlich grausam sind? Christus sei für uns gestorben? Ich will nicht, dass jemand für mich stirbt und schon gar nicht einen Foltertod.

Das Tal des Todes wäre eigentlich ein schöner und spezieller Ort von der Natur her gesehen: ein wildes Tal mit einem stolzen Felsen, der über dem Bach thront, der über schöne, klare Badebecken verfügt, die keiner kennt. Die Abhänge bewachsen von Kastanienbäumen, Ginster, Akazien Sommerflieder und Haselnuss, am Strassenrand reife Brombeeren. Auch Moos. Besonders zu erwähnen ist deshalb auch die urkundlich schon früh bezeugte Quelle, heute gefasst in einer kleinen Kapelle. Oft kommen Leute her und füllen Flaschen. Das Wasser schmeckt unverkennbar scheusslich, extrem eisenhaltig. Ist aber auch unbestreitbar sehr gesund. Niemand mag es wirklich, doch alle trinken es. Ich auch jedes Mal, wenn ich daran vorbeikomme. Nicht aber in dieser Nacht, denn das Tal des Todes wird durch die Kreuzigungsszene zu einem grusligen Ort. Die Wildschweine, die dort im steilen Wald hausen und die ich höre, wie sie durchs Gebüsch streifen, tragen ebenfalls nicht gerade zur Vertrauensbildung bei.

Ich radle weiter, es geht bergauf, ich komme ins Schnaufen, es ist Nacht, die Strasse nur spärlich beleuchtet. Es ist warm, eine Tropennacht eben. Vorher, nach dem heissen Tag mit 36 Grad, noch eine frische Brise, nun weht kein Lüftchen mehr. Die Luft kann man fast greifen, sie fühlt sich weich an. Ausser dem Schnauben und Trampeln der Wildschweine ist kein Laut zu hören. Ein Hundespaziergänger kommt mir entgegen, er erschrickt, ich auch. Niemand fährt nachts per Velo durchs Tal des Todes, und schon gar nicht in einer lauen Tropennacht.

In lauen Tropennächten sitzt man auf Balkonen und an Promenaden und trinkt erfrischende, gekühlte Getränke. Habe ich ja auch gemacht, deshalb bin ich ja nun unterwegs durchs Tal des Todes. Ich hätte auch einen anderen Weg nehmen können, doch das wäre mit noch mehr Auf und Ab verbunden gewesen und irgendwie gefällt mir auch der Gegensatz zwischen Tropennacht und Tal des Todes. Das eine fühlt sich weich und sanft an, das andere hart und bitter. Wie wenn die Tropennacht mit Venus, Mond und 28 Grad erst dadurch ihre volle sinnliche Schönheit entfalten könnte.

Tropennächte sind nicht häufig, viele mögen sie gar nicht, weil sie nicht gut schlafen können, wenn es nicht mehr abkühlt, doch sie haben ihren eigenen Zauber, eine Weichheit, die schwer zu fassen ist, auch eine Trägheit. In Tropennächten werden keine Erfindungen gemacht, keine Pläne geschmiedet, in Tropennächten wird umweht, umsäuselt, geschaukelt, getrieben, an Sehnsüchte erinnert und von Sehnsüchten getrieben, Tropennächte verführen und berühren. Nicht alle vertragen dies. Manche werden aggressiv, andere schlaflos und dadurch aggressiv, einige werden traurig, da sie an längst beiseite geschobene Sehnsüchte erinnert werden. Doch dafür kann die Tropennacht nichts. Die Tropennacht ist einfach warm bis in den Morgen hinein. Tropennächte dauern eine ganze Nacht.

 
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